strom in den schweigenden jagen

einer lernt wortpaare.

einer fragt sie ab.

milgram erklärt, dies sei ein experiment übers lernen.

wieviel besser einer lernt zum beispiel,

wenn er für falsche antworten stromstöße erhält.

der lernende kriegt nicht wirklich welche.

er ist teil des versuchs, seine schreie kommen später vom band.

der lehrer aber sieht lauter kleine schalter.

die er der reihe nach umlegen soll.

für jede falsche antwort eine höhere dosis.

ganz rechts steht unter den letzten schaltern:

-sehr starker schock. gefahr.

der falsche schüler erklärt am anfang noch,

er habe eine kleine herzkrankheit. nix ernstes, aber.

bei den ersten schaltern hört er den anderen

-autsch oder ähnlich

lächerliches sagen. und er lacht auch nervös darüber.

dann prostestiert der schüler gegen den ganzen versuch.

man solle ihn rauslassen, sofort. er mache nicht mehr mit.

der lehrer dreht sich zum versuchsleiter um:

-das experiment erfordert, daß sie weitermachen.

-sie haben keine wahl.

-die schocks mögen unangenehm sein, sie sind aber nicht gefährlich.

-der schüler muß alle wortpaare lernen.

-so lange müssen sie weitermachen.

-ich übernehme die verantwortung.

-bitte fahren sie jetzt fort.

er fährt fort, er ignoriert auch das lautere schreien.

dann, irgendwann, schweigt der schüler.

wieder dreht sich der lehrer um.

keine antwort, sagt der versuchsleiter, ist eine falsche.

er kriegt also die nächsthöhere dosis.

aber wir wissen nicht, wie es ihm geht da drüben.

-fahren sie bitte fort.

und ins schweigen dessen, den er für herzkrank halten muß,

in dieses schweigen jagt der lehrer immer stärkere schocks.

immer unwilliger zwar, immer schneller auch, damit das hier

mal zu ende ist, aber er bringt es zu ende.

strom in den schweigenden jagen.

weil einer im weisen kittel es ihm sagt.

ohne ihn aber zu bedrohen.

(nur einer tat das, hoffen sie?

nein, die hälfte der lehrer.

jagte  bis zum letzten schalter strom in den schweigenden.)

man wiederholte das experiment mit lehrern und schülern,

die sich sehen konnten. mit stimmen vom band.

es blieb dabei:

die hälfte jagte bis zum ende

strom in den schweigenden oder in den schreienden.

die das taten, die glauben an den im weißen kittel:

wissenschaft, wahrheit, fortschritt.

eichmann haßte die juden wenigstens wirklich.

 

 

 

 

 

 

Das tote tote Pferd

Die lange Straße hat aufgehört zu atmen.

Ihre runden Steine glänzen nicht mehr,

In keinem Regen.

An ihr stehen längst keine Gartenhäuser, keine Veranden voller Bücher mehr.

Die Tore vor den weitausschwingenden Alleen

Sind gesichert mit dunklen Schlössern, mit großgliedrigen Ketten.

Es hat aber kein Krieg die Bewohner vertrieben,

Keine Bomben, und kein Komet

Kam je über ihre Dächer.

Es war nur das tote Pferd, das dort entlangtrabte,

Gleichgültig verwesend, der Sattel hing um den schlaffen Bauch.

Seinen Reiter hatte es vergessen, hatte es je einen gehabt?

Höre, Wanderer, höre, wenn das tote Pferd des satten Überdrusses

Auch in deiner Stadt auf lahmen Beinen vorbeiwanken sollte,

Dann brauchst du es nicht mehr zu rufen.

Lösche dann nur noch alle Lichter, schliesse alle Fenster und

Geh vor Mitternacht aus dem verödeten Haus.

 

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für Jens Rüggeberg

 

 

 

 

 

schlafentzugt

am ende von diesem flug verlieren ich und meine mutter unseren koffern.

bei dem rollenden gummiband stehen wir.

nach zwanzig minuten rollen da nur noch vier oder fünf anonyme behälter.

zurückgelassen, stumpf. eine seltsame karussell.

ich warte da, bis mir vorbei etwas kommt.

und mache unsere weg richtung sbahn.

und ich biege und dreh, ich springe und steh.

hose im hand gehe ich öffnen.

nimmt von dem koffer ein buntes hemd, zeigt es mir, als ob es meine schuld ist.

oft benutzt aussehenden. sie ist groß und schamlos und lächelt.

ich schenke sie whisky ins glas. zwei strohmenschen sehen wir aus im spiegel.

ich in meine riesige hose. wir strecken unsere ärme weit offen.

wir stehen da, wir lassen das wind durch den fenster reinkommen.

das wind und das licht und die schatten mit unsere neue kleider da spielen.

und wissen genau, was jetzt weiter dann kommt.

ich trete raus von der stofflache, stehe dann nackt im raum.

zum deutschen strassen hinaus.

meine muttersprache ist nicht die muttersprache meiner mutter.

die muttersprache ihrer mutter ist nicht muttersprache und so weiter, viel viel weiter.

wir sind babylonisch. benutzen worte nicht um zu vergeben, verstecken, verhecken.

was noch willst du wissen? trödel und möbel, was lassen wir nach ?

ein paar alte postkarten,ein paar alte bilder, alles so alt.

ein stuhl, kleider und bücher. die hintergelassenen dinge, stell dir das vor.

die nicht mehr zu versteckende wahrheit ist so.

kannst du das hören? kannst du das wirklich nicht hören.

unterirdische stadt. subterran.

der turmbau zu babel war ein ablenkungsmanöver.

leiser tag an erinnerung an. lassen wir uns eine monat, ein jahr. an erinnerung.

stell dir das vor.

 

daß man sachen an anderen überhaupt nachlassen kann.

hand zu hand zu hand zu hand.

was suchen die sachen?

ich leere mich wie einen umzugskarton.

ich werf es dir vor , kind. ich werf es es dir nach. ich werf keinen schatt.

unterirdische stadt, getan und vertan.

für die, die uns gaben, was wir können nicht sehen. hörst du das?

kannst du das aber wirklich nicht hören?

die wörter, die sprache, durch die jahren der ton.

ich werf dir das an.

ich befreie mich.

ich lass es dir nach.

jetzt bist du dran.

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für und nach tomer gardi

 

(die textgrundlage ist mein zweimaliges hören seiner lesung beim bachmannwettbewerb 2016. aus naheliegenden gründen l a s ich diesen text aber nicht. der den preis verdient gehabt hätte.)

 

Der Kommende Aufstand

Ein Grafik-Designer im handgemachten Pullover

Trinkt auf der Terrasse eines Ethno-Cafés

Unter Freunden einen Frucht-Cocktail

 

Aus welcher Richtung man es auch betrachtet

Die Gegenwart ist ohne Ausweg

 

Man ist redegewandt herzlich

Man macht kleine Späße

Man macht nicht zuviel Lärm und ist auch nicht zu still

 

Diejenigen die vorgeben Lösungen zu haben

Werden sofort widerlegt

Es ist bekannt daß alles nur noch schlimmer werden kann

 

Man schaut sich mit einem Lächeln an

Etwas selbstgefällig

Man ist so zivilisiert

 

I A M  WHAT I AM

Vor allem anders zu sein

Man selbst zu sein

Und Pepsi zu trinken

Jahrzehnte von Konzepten

Um dort anzukommen

Bei der reinen Tautologie

ICH = ICH

Je mehr Ich ich sein will

Desto leerer fühle ich mich

Je mehr ich mich ausdrücke

Desto mehr trockne ich aus

 

Ein Grafik-Designer trinkt unter Freunden einen Frucht-Cocktail

Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand permanenten Halbzerfalls

Man macht nicht zuviel Lärm und ist auch nicht zu still

Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand chronischen Halbversagens

Man schaut sich mit einem Lächeln an

Etwas selbstgefällig

Man ist so zivilisiert

Das schwache deprimierte selbstkritische virtuelle Ich

Ist das bestgehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge

Ein Grafik-Designer auf der Terrasse eines Ethno-Cafés

Inkonsistenz ist nur die Folge des dummen Glaubens an die Permanenz des Ichs

Grafik-Designer Frucht-Cocktail Ethno-Café

I A M WHAT I AM

 

 

Die Gegenwart ist ohne Ausweg

 

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(Alle Sätze und Halbsätze  aus:

Das Unsichtbare Kommitée

„Der Kommende Aufstand“ ,

Übersetzt von Indymedia, 2007.

Die Anordnung und damit das Gedicht sind aber von mir.

Wer das anders sieht, darf sich gerne melden.)

 

 

 

 

 

 

 

A Casa

Landschaften, Häuser, Trauben, Wein und Liebe.

Nächtliche Geräusche, die von Zuhause raunen,

Häuser, deren Seelen Einst und Morgen kennen,

Wein und Liebe, mit wissender Hand vom sich Regen

Neuer Fülle bis zur vollen Reife des

Ungeahnten Moments geführt,

Bis dann alles Warten endet.

Und Ahnen, Sehen, Atmen,

Diese Drei begleiten dich immer.

Dazu am Meer der Leuchtturm,

Eine Stütze für jeden Moment.

Ahnen, das den Weg begleitet.

Bei jedem Straucheln tiefes Atmen,

Und ein Sehen wie die Hand leitet, hält und birgt.

 

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Für Chiara Ravenna, @IladyI

Una Luce.

 

 

 

 

 

Paris. Die wirkliche Welt.

Nicht, daß es irgendwo geschieht,

Macht uns Angst.

Denn es geschieht ja in dieser Sekunde.

In vielen Ländern, deren Namen wir nur immer

Hören, w e i l es dort geschieht.

Syrien, Nigeria, Sudan, Afghanistan, Irak:

Da fahren wir nicht hin.

Da wollen wir nicht hinfahren.

Da müssen wir nicht hinfahren.

Außer wir sind verrückte Helfer, Glotzer oder Soldaten.

Also gibt es die nicht, diese Metzgerländer, in der wirklichen Welt.

Meiner, Deiner, Unserer.

Da sind nur diese Gegenden, wo das geschieht, was wir uns

Ansehen können, aber nicht müssen.

Jedes Grauen, das wir nicht kennen,

In unserer wirklichen Welt,

Das können wir sehen.

In diesem Internet.

Das alles gibt es also, wir wissens ja.

Aber nicht in der wirklichen Welt.

Paris aber,

Paris.

Oh Paris.

Da fahren die Verliebten hin.

Von hier keine vier Stunden mit dem TGV.

Stiege ich jetzt ein, ich könnte es noch

Riechen. Das Zerfetzte,

Das Verbrannte,

All die Eingeweide auf der Straße.

Blut ist so schwer vom Asphalt zu kriegen.

D a s ist unser Schreck.

Es ist so nah.

Da müssen wir uns schon fast vorstellen,

Daß es auch Syrien wirklich gibt.

Und wie es da riecht.

Und wie es sein könnte,

Nach Sonnenuntergang dort zu sein

Und jedes Geräusch abzutasten,

Was es bringen könnte.

In dein Zimmer,

In dein Zimmer.

Das Peinlichste Gedicht Der Welt

Es ist Unsinn

Sagt die Vernunft

Von was hielt uns Vernunft je ab?

Es ist was es ist

Sagt die Liebe

Ich bin, der ich bin?

Tja, Erich, dann ist halt die Liebe dein unwandelbarer Gott.

Viel Spaß auch damit. 

Es ist Unglück

Sagt die Berechnung

Berechnung, ein Pfui-Wort für gefühlig Gute. 

Es ist berechnend,

Sich vor Unglück zu schützen?

Oder den Geliebten vor dem Unglück meiner Liebe.

Es ist nichts als Schmerz

Sagt die Angst

Niemand kennt Liebe, die nur Schmerz ist.

Denn der selbstverliebte Werther

Genoß doch sein Unverstandensein am meisten.

Es ist aussichtslos

Sagt die Einsicht

Was, Erich, ist aussichtslos?

Doch wohl nur, was wir berechnen.

Also die Erreichung eines Ziels.

Die Liebe, die deinem Gedicht sein soll, was sie nicht ist,

Kennt nur bergendes Schauen.

Es ist lächerlich

Sagt der Stolz

Auf unser Unverstandensein, auf unsere Hartnäckigkeit im Wertherwahn

Sind wir nicht am meisten stolz? 

Es ist leichtsinnnig

Sagt die Vorsicht

Ja, Erich, es i s t leichtsinnig, etwas Liebe zu nennen,

Von dem wir wissen, daß es bald vorbeisein kann.

War es dann aber L i e b e?

In deinem pseudotheologischen Sinn?

Es ist unmöglich

Sagt die Erfahrung

Cool bleiben, Erich.

Ein so politischer Schreiber wie du

Der weiß doch,

Daß selbst erfahrene Unmöglichkeiten

Niemanden je von was abhielten. 

Es ist was es ist

Sagt die Liebe

Dreimal wiederholst du also,

Daß wirs hinnehmen sollen.

Als so unerklärlich wie Gott,

Von dem sie, aber nicht du,

Gern behaupten, ER sei, der er sei und sein werde.

Was verargst du uns denn das Fragen, Erich?

Die von  Gott Freien h a b e n ja nur die Liebe.

Und wissen nicht so leicht,

Was sie sind,

Wenn sie sie nicht haben, aber fühlen müssen.

So beliebt, dein dünnes Denkverbot,

So rätselhaft beliebt.

Als ob wir u n s nicht begreifen sollen,

Nicht mal in der Liebe.

Es ist was es ist:

Es ist peinlich.

Im Fühlen kein Denken mehr zu wollen.

Es ist was es ist:

Die immerwährende Pubertät der Gefühligen,

Die dir Beifall spendet, wider jede bessere Einsicht

Darin, daß wir ohne ganz viel Denken über ALLES

Hier nicht rauskommen.

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Für Nicole Sch.

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(Ich verwende den Text von Frieds Gedicht in einem eigenen. Deshalb habe ich nicht um eine Genehmigung der Rechteinhaber nachzusuchen. Falls die das anders sehen, bitte melden.)